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Busfahrt in Flensburg: Die Sitzpiraten

Bildquelle: Shutterstock

Leben

Busfahrt in Flensburg: Die Sitzpiraten

„Moin, einfache Fahrt bitte.“

Ich lege das abgezählte Geld hin, der Fahrer zeigt wortlos und grußlos mit der Hand auf einen kleinen Zettel, der gerade gedruckt wird. „Danke.“ Ich schenke ihm ein Lächeln, er guckt griesgrämig zurück.

Ach, Liebelein, schlechte Nacht gehabt? Dann eben nicht.

So, nun also einen Platz suchen. Auf dem Behindertenplätzen lümmeln sich zwei Teenies und glotzen auf ihre Handys. Sie sind so vertieft, dass sie nicht einmal merken würden, wenn ein mittleres Erdbeben Flensburg heimsuchen sollte. Die beiden müssten nur ein bisschen aufräumen und schon hätte auch ich einen Sitzplatz. Andererseits, diese Plätze sind ja nicht für Leute wie mich  gedacht.  Ich checke die Lage und bleibe stehen. Sie starren mich gleichzeitig entsetzt an, obwohl ich gar nichts gesagt habe.

Die Mädels scheinen gerade eine äußerst gewichtige, traumhafte Verlängerung der Wimpern überstanden zu haben

Wenigstens können sie ihre Köpfe kaum gerade halten, ihre Augen sind Schlitze. Die hocken schon auf den richtigen Plätzen, denke ich. Ich schlender weiter durch den gemütlichen Bus. Die nächsten Plätze sind auch komplett belegt. Immer ein Mensch und eine Tasche daneben. Als die Menschen mich kommen sehen, gucken sie angestrengt auf den Busboden oder aus dem Fenster. Das Publikum ist gemischt. Ich bemerke eine leichte Verstimmung, die anfängt meinen Hals hoch zu kriechen.Aber jetzt. Ich entdecke einen älteren Herrn, ohne Tasche und Mobilteil. Allein auf einer Bank. Als ich näher komme sehe ich, dass er so breitbeinig sitzt, als wäre ein Bein im Bus und das andere am Südermarkt.

Er blickt mich streng an, ich verzichte auf eine lose Konversation

In meinem Hals kribbelt es inzwischen nicht nur, die ganze Partie wird zunehmend größer. „Nächste Haltestelle, Sankt Jürgen Platz“, sagt eine liebliche Stimme.Immer mehr Fahrgäste steigen ein, aber keiner aus. Der nette Fahrer fährt das Gefährt ein wenig zu forsch in die Busbucht, bremst energisch und ich fliege fast auf den Einbeinigen. Es kommt zu einem dramatischen Zwischenfall. Ein Mann mit Gehhilfe fuchtelt mit derselben vor den schweren Wimpern der beiden Mädels herum.

Vor lauter Schreck springen sie auf und lassen dabei ihre Handys fallen

Sie kramen ihre Siebensachen weg und stapfen tief gebeugt aus der Gefahrenzone. Der Mann mit Gehhilfe hat gewonnen. Sollte ich vielleicht doch? Lieber nicht.  Jetzt sehe ich eine Mutter, deren Kleinkind daneben thront. Wenn sie nun… Ich gehe hin und säusele: „Kann ich mich dazu setzen?“ Die Dame guckt mich entgeistert an, sagt dann aber: „Komm, Muschilein, setz dich mal bei Mama auf‘n Schoß, dann kann die Oma da sitzen.“ Mein Hals ist jetzt nicht nur angeschwollen, sondern richtig dick. OMA! Ich drehe mich wortlos um und stelle mich direkt an die hintere Tür. „Nächste Haltestelle, Hafermarkt.“ Ihr könnt mich doch alle mal. Steige sowieso gleich aus.

Hoffentlich klebt ihr bis zum Sankt Nimmerleinstag an euren Doppelsitzen fest.

Habt ihr auch für zwei bezahlt, ihr Dödel? „Nächste Haltestelle, Angelburger Straße.“ Mit Genugtuung und hoch erhobenen Hauptes steige ich elfenhaft als ERSTE aus dem Bus. Sofort  werfe ich den Fahrkarten Schnipsel, den mir die wortkarge Fachkraft im Fahrzeugbetrieb mittels Zeichensprache zugewiesen hatte, in einen Papierkorb. Ein junger Mann tut es mir nach. Er grinst mich vielsagend an. Soll heißen, auch keinen Platz gekriegt, wa. Ich nicke ihm kurz zu.

Allseits gute Fahrt, ihr Sitzpiraten!

Text: Fräulein H.

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