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Leben

Der letzte Weg

Der größte Friedhof Flensburgs ist der Friedenshügel. Ein wunderschön angelegtes parkähnliches Gelände mit vielen Themenfeldern. Nebeneinander der Eingang zum jüdischen und muslimischen Teil der Grabstätten.

Ein riesiges Arsenal Ruhe und Frieden und doch voller Leben

Heute bin ich auf dem Mühlenfriedhof. Über 10 Hektar groß, tausende Grabstellen, tausende Schicksale. Kann ein Friedhof schön sein? Das überlege ich jedes Mal wenn ich meine Lieben, die vor mir gegangen sind, besuche.

Ein Friedhof ist auch ein Spiegel des Lebens

Das Rauschen der Bäume, das Zwitschern der Vögel, Motorengeräusche. Alte Menschen, die sich gegenseitig stützen, junge Familien, Jogger und manchmal Radfahrer. Menschen, die wie ich, alleine unterwegs sind. Es gibt egoistische Hundehalter, die die Hinterlassenschaften ihrer geliebten Fellnasen nicht entfernen oder die ihre Vierbeiner ohne Leine über vier oder fünf Gräber toben lassen und zusehen, wie sie auf den selben buddeln. Es gibt Diebe, die Grabschmuck oder Blumen stehlen. Es gibt Leute, die mit Bierflaschen umherlaufen und sich streiten oder Verliebte, die auf den Bänken kuscheln. Andere wiederum telefonieren und lassen laut und deutlich den Rest der Welt wissen, dass sich der Blödmann Jan gerade von der süßen Luise getrennt hat.

Es ist wie zu Lebzeiten. Gesetz und Ordnung machen auch vor einem Friedhof nicht Halt. Es gibt eine Friedhofsordnung, Bestimmungen und Vorgaben. Kieselsteine auf den Gräbern, Einfassungen, zu große Büsche. Immer wieder kommt es zu Unstimmigkeiten zwischen den Hinterbliebenen und der Friedhofsverwaltung. Und natürlich muss eine Grabstelle gekauft werden.

Wenn ich an den Kindergräbern vorbei gehe, muss ich jedes Mal schwer schlucken

Spielzeug, Windmühlen, kleine Teddys für die kleinen Menschen, die hier schlafen. Die Zeit heilt alle Wunden, sagt der Volksmund. Nein, es gibt Wunden, die heilen nie. Man kann nur versuchen, mit ihnen zu leben.

Immer wieder treffe ich die hauptberuflichen Witwen

Bewaffnet mit Harke, Rechen und allerlei kleineren Utensilien umsorgen, hegen und pflegen sie die Gräber ihrer verstorbenen Männer. Sie gehen auch gern zu anderen Grabstätten. „Kiek di dat an, Jutta. Er ist noch keine zwei Jahre tot und schon geht keiner mehr hin.“ Jutta antwortet: „Ich habe ihn gekannt. Ganz feiner Mann. Da kannst du mal sehen wie seine Kinder an ihn denken. Und seine Frau hat schon längst einen anderen.“ Bevor die beiden Frauen den Friedhof wieder verlassen, bleiben sie noch eine Weile bei ihren Männern und betrachten die exakte Linienführung ihrer Harkenkünste und die insgesamt vorbildlich gepflegten Gräber. Ich denke, habt ihr eure Männer auch so umsorgt, als sie noch lebten? Wie waren eure Beziehungen? Liebevoll und innig oder eher eine Zweckgemeinschaft? Wart ihr schon zu Lebzeiten eurer Verstorbenen darauf bedacht, dass alles nach außen seine Ordnung hat? Ich werde es nie erfahren. Ich will es nicht erfahren.

Auf dem Mühlenfriedhof ist ein kleiner Teich. Direkt daneben steht eine Bank. Hier sitze ich gern. Sollte ich nicht auch langsam meinen letzten Weg regeln? Meine Wünsche zu Papier bringen? Ganz in der Nähe ruht meine Schulfreundin. Wie schön wäre es, würde sie jetzt neben mir sitzen. Aber irgendwie tut sie das auch. An diesem Ort umgeben von Bäumen, pulsierendem Leben und Entengeschnatter.

Der Mühlenfriedhof ist der Spiegel des Lebens

Ich mag ihn.

Text. Fräulein H.

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