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Der Vollhorst am 1. Mai

Bildquelle: Shutterstock

Unterhaltung

Der Vollhorst am 1. Mai

Der 1. Mai steht vor der Tür. Schnell noch zu Herrn Aldi. Der Laden rappelvoll, kaum noch ein Einkaufswagen, lange Schlangen an den Kassen. Was machen die ganzen Leute hier? Können die nicht früher einkaufen?

Man weiß ja schließlich dass morgen Feiertag ist. Man, man, man.

Vor mir grapscht ein Mann mittleren Alters sämtliche Tomaten an, bis er im Zeitlupentempo drei Tomaten in einen Plastikbeutel versenkt.  Alle anderen sind jetzt zermatscht.  Er greift zum Handy. „Ja, hier auch. Ich bin gerade bei Aldi. Wolltest du nun drei Tomaten oder vier? Gut, dann habe ich das richtig gemacht. Ja, ja. Bis denn.“

Ich versuche ihn zu überholen. Keine Chance. Auf einmal ein gellender Schrei: „Horst, wo bist du?“ Er brüllt zurück: „Hier, ich bin hier!“
Ich bleibe dem Ehepaar Grapsch dicht auf den Fersen, die Gattin ist wie er. Fasst dies und das an, dreht es in alle Himmelsrichtungen, kniet vor und unter den Regalen. Nun also Reis. Drei Verpackungen stehen auf dem Boden und sehen schon reichlich demoliert aus. Ratlos sieht sie ihren Horst an. „Ingelore, ich habe es dir doch schon ein paar Mal erklärt. Die alte Ware steht immer vorne und die neue hinten. Lass mich mal.“ Horst kniet auf dem Boden und wird fündig.

Zwei zerquetschte Verpackungen bleiben auf dem Boden stehen. Es gibt Reis, Baby!

Ich mache einen zweiten Anlauf und versuche energisch an den Grabschens vorbeizukommen. Ich bin schon in der Überholspur, als ich seinen Wagen in den Hacken habe. Ich drehe mich um. Horst blafft mich an: „An solchen Tagen muss das schon zügig gehen!“ Ich denke, du mich auch!

Ein kleines Mädchen liegt auf dem Boden und weint herzzerreißend. Böse Welt. Neben ihr zerbeulte Joghurtbecher. Ich bleibe einen Moment stehen. Die Grapschens überholen mich. Horst sagt: „Die Kinder sind heute so verzogen, guck dir das an, Ingelore.

Alles anfassen, kaputtmachen und die Eltern sagen nichts.“

Endlich an der Kasse. Von hinten ruft jemand: „Wann geht es denn endlich weiter? Wir wollen Heiligabend pünktlich essen.“ Die Kunden-Könige biegen sich vor Lachen. Die Kassiererin stemmt die Waren in astronomischer Geschwindigkeit durch die Scanner-Kasse und kassiert um ihr Leben. Horst ist dran und pflaumt sie als erstes an: „Sie müssen vor Feiertagen mehr Kassen öffnen. Das ist  für uns Kunden eine Zumutung!“

Was für ein Vollhorst. DU bist eine Zumutung. Beschwere dich doch bei Herrn Albrecht und nicht bei der armen Kassiererin, denke ich.

Horst soll zahlen, sein Handy klingelt. „Nee, Mutti, das geht jetzt nicht mehr, wir sind gerade an der Kasse. Du kannst dir nicht vorstellen, was hier los ist. Wieder nur zwei Kassen auf. Ja, ja. Ja, denk ich dran. Bis denn.“  Er zückt seine EC-Karte. Vor lauter Stress hat er seine Geheimnummer vergessen. „Ingelore!“  Aus der Schlange ertönt wieder die Stimme des Witzbolds: „Wann kommt denn das Rote Kreuz? Die ersten fallen gleich um und brauchen frisches Blut.“ Gelächter, Gemurmel, Gescharre, Gepöbel.

Als ich zahle sage ich: „Wenn Sie wollen kassiere ich für Sie weiter und Sie stellen sich in die Schlange und meckern.“ Sie lächelt mich an.

Schönen 1. Mai allerseits!

Text: Fräulein H.

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