Regionales
Flensburgs Hafen: Warum müssen wir so viele Jahre auf unsere Kaikante warten?
Fast drei Jahre nach der Sturmflut wird am Flensburger Innenhafen noch gebohrt und gemessen. Das Technische Betriebszentrum informiert aktuell über die Baugrunderkundungen an der zerstörten Kaikante. Eigentlich eine gute Nachricht. Doch bei vielen Flensburgerinnen und Flensburgern dürfte sich inzwischen eine ganz andere Frage aufdrängen: Warum sind wir fast drei Jahre nach dem Einsturz immer noch an diesem Punkt?

Es war der 20. Oktober 2023, als eine historische Sturmflut Flensburg traf.
Der Wasserstand stieg auf rund 2,27 Meter über Normal. Einen Monat später, in der Nacht vom 22. auf den 23. November, sackten Teile der Promenade an der Schiffbrücke ab. Seitdem prägen Absperrungen, Bauzäune und eine zerstörte Kaikante einen der eigentlich schönsten Bereiche unserer Stadt. Und inzwischen schreiben wir das Jahr 2026.
Jetzt wird bis zu 30 Meter tief gebohrt.
Das TBZ informiert aktuell darüber, dass im August und September die landseitige Baugrunderkundung stattfindet. Vorgesehen sind unter anderem Trockenbohrungen bis in rund 30 Meter Tiefe sowie Drucksondierungen und Messungen des Porenwasserdrucks.
Wichtig ist dabei: Es wäre falsch zu behaupten, dass die Stadt in den vergangenen Jahren überhaupt nichts untersucht hätte.
Nach dem Absacken wurden Laserscans vorgenommen. Anfang 2024 folgten Tauchuntersuchungen, Probenahmen und Messungen der Wandstärken. Gutachten wurden erstellt, statische Berechnungen durchgeführt, Kampfmittelprüfungen veranlasst und unterschiedliche Varianten für den Wiederaufbau untersucht.
Nur: Für den Flensburger, der seit fast drei Jahren vor einem Bauzaun steht, ist vom Ergebnis bislang erschreckend wenig zu sehen.
Und deshalb muss die Frage erlaubt sein:
Warum dauert das alles so lange?
Ein Blick auf den aktuellen Zeitplan des TBZ dürfte bei vielen Flensburgern für Ernüchterung sorgen. Die Baugrunderkundungen laufen 2026. Die Baugenehmigung soll nach aktueller Planung erst im Frühjahr oder Sommer 2027 beantragt werden. Im Sommer beziehungsweise Herbst 2027 sollen anschließend weitere Planungs- und Vergabephasen folgen.
Und die Herstellung des neuen Ingenieurbauwerks?
Dafür nennt das TBZ mittlerweile einen Zeitraum bis 2030.
Man muss sich diese Zahl einmal vor Augen führen:
2023 bricht die Kaikante ein.
2030 könnte das neue Ingenieurbauwerk fertig sein.
Für einen zentralen Bereich einer Stadt mit knapp 100.000 Einwohnern. Für die Promenade eines Hafens, der zu den bekanntesten Bildern Flensburgs gehört. Und möglicherweise ist damit noch nicht einmal die endgültige attraktive Oberflächengestaltung abgeschlossen.
Unser Hafen ist keine beliebige Nebenstraße.
Genau deshalb ist die zunehmende Ungeduld nachvollziehbar. Wir reden hier schließlich nicht über irgendeinen abgelegenen Straßenabschnitt. Der Flensburger Innenhafen ist eines unserer Filetstücke. Hier gehen Flensburger spazieren. Hier sitzen Menschen im Sommer am Wasser. Hier kommen Besucher und Touristen entlang. Gastronomie, Einzelhandel, Veranstaltungen und das gesamte maritime Erscheinungsbild unserer Stadt profitieren von einem attraktiven Hafen.
Der Hafen gehört zur Identität Flensburgs.
Und trotzdem müssen wir uns offenbar darauf einstellen, dass ein zentraler Teil dieses Gebietes möglicherweise über Jahre eine Baustelle bleibt.
16 Millionen beantragt – vier Millionen bekommen
Auch die Finanzierung wirft Fragen auf. Die Stadt stellte im Oktober 2024 einen Förderantrag im Rahmen der Hilfen nach der Sturmflutkatastrophe und wollte rund 16,1 Millionen Euro für die Kaikante erhalten.
Doch das Land lehnte diese Förderung ab. Die Begründung ist bemerkenswert: Nach Auffassung des Landes konnte der notwendige direkte Zusammenhang zwischen der Sturmflut und dem Schaden an der Kaikante nicht ausreichend nachgewiesen werden.
Nach Angaben des Landes lag die letzte Bauwerksprüfung bereits im Jahr 1990 – und schon damals sollen erhebliche statische Mängel festgestellt worden sein.
Auch das wirft eine unangenehme Frage auf:
Wie konnte eine für Flensburg derart bedeutende Kaianlage über Jahrzehnte in einen Zustand geraten, der später sogar die Millionenförderung nach der Sturmflut infrage stellte?
Mittlerweile gibt es immerhin eine magere Einigung: Das Land Schleswig-Holstein hat Flensburg eine Einzelförderung von bis zu vier Millionen Euro zugesagt. Und gleichzeitig werden für Abriss und Wiederaufbau inzwischen Kosten in einer Größenordnung von rund 30 Millionen Euro genannt.
Am Ende geht es also nicht nur um Zeit. Es geht auch um sehr viel Geld.
Planung, Gutachten, Vergaben, Untersuchungen – aber wann sehen wir endlich Ergebnisse?
Natürlich muss ein solches Bauwerk sorgfältig geplant werden. Niemand verlangt, dass eine neue Kaikante innerhalb weniger Monate irgendwie in den Hafen betoniert wird.
Es geht um Wasserbau, Statik, Hochwasserschutz, Umwelt- und Artenschutz, möglicherweise Kampfmittel, Genehmigungen und europaweite Vergabeverfahren.
Das alles braucht Zeit. Aber Verwaltung darf sich auch nicht hinter Verfahren verstecken. Wenn für ein zentrales Bauwerk unserer Stadt zwischen Schadensereignis und Wiederherstellung so viele Jahre liegen, dann muss die Frage nach der Effizienz der Abläufe erlaubt sein.
Wo entstehen die langen Zeiträume?
Welche Verfahren laufen zwingend nacheinander – und welche könnten parallel bearbeitet werden?
Warum konnte das europaweite Vergabeverfahren für die eigentlichen Ingenieurleistungen erst 2025 durchgeführt werden?
Warum erfolgt die vertiefte Baugrunderkundung erst 2026?
Und gibt es tatsächlich keine Möglichkeit, den derzeitigen Zeitplan bis 2030 deutlich zu beschleunigen?
Das sind keine populistischen Fragen. Das sind Fragen, die eine Stadtgesellschaft nach fast drei Jahren Bauzaun stellen darf.
Und was passiert eigentlich auf der anderen Hafenseite?
Hinzu kommt die grundsätzliche Entwicklung des gesamten Innenhafens.
Die Stadt beschäftigt sich parallel mit Hochwasserschutz, einer Neugestaltung des Innenhafens, Verkehrskonzepten und einem Beteiligungsverfahren. Auf der Ostseite laufen wiederum eigene städtebauliche Entwicklungsprozesse.
Gerade deshalb braucht Flensburg eine verständliche Antwort darauf, wann welcher Bereich des Hafens tatsächlich wieder fertig und dauerhaft nutzbar sein wird.
Denn für Bürger und Besucher zählt am Ende nicht, wie viele Planungsphasen, Gutachten oder Vergabeverfahren abgeschlossen wurden.
Sie sehen das Ergebnis.
Oder eben den Bauzaun.
Flensburg darf mehr Tempo erwarten.
Text: Mark Jürgensen





