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Kein Herz für Mitmenschen? Oder eine Niere?

Leben

Kein Herz für Mitmenschen? Oder eine Niere?

Die Bereitschaft zur Organspende sinkt dramatisch

Organspende: Ein neues Leben für Schwerstkranke. 2017 wurden von Deutschen nur wenige Organe gespendet, es ist der niedrigste Stand seit 20 Jahren, der niedrigste Stand in ganz Europa. Allerdings gilt in unserem Land die Entscheidungslösung. Die Organspende ist also ein Geschenk. In vielen anderen Ländern wird man schon zum Organspender, wenn man nicht vorher ausdrücklich widersprochen hat. In Bulgarien kann man sogar gegen seinen eigenen Willen zum Spender werden.

Bei fast keinem anderen Thema bin ich so unsicher, wie bei der Frage der Organspende

Gibt es überhaupt ein einfaches ja oder nein? Ich versuche mich dem Thema sehr persönlich zu nähern. Ich liege todkrank im Krankenhaus und weiß, dass nur ein neues Organ mein Leben retten kann. Erst wenn man selbst betroffen ist, oder ein Angehöriger, ein Freund, wenn man dringend auf ein Organ wartet, wird klar, wie überlebenswichtig die Organspende ist. Ich hoffe und bange. Was aber einem anderen Menschen passiert, damit ich sein Organ bekommen kann, diesen schmerzhaften Gedanken möchte ich nicht zu Ende denken. Auf der Kinderstation liegt ein kleines Mädchen, es wird sterben, wenn nicht ganz schnell ein passendes Herz gefunden wird.

Ein kleiner Junge braucht so dringend eine neue Lunge, ein anderer eine Niere

Viele todkranke Menschen hoffen auf ein neues Organ. Täglich sterben drei Kranke, weil kein passendes gefunden wird oder schlicht keines zur Verfügung steht. Für mich stellt sich die zweite große Frage: Wann ist ein Mensch tot? Seit mehr als 40 Jahren diskutieren Wissenschaftler darüber, ob der Hirntod der Tod des Menschen ist, wie die Transplantationsmedizin sagt oder ob der Hirntod ein Moment im Sterben eines Menschen ist, Hirntote also sterbende Menschen sind. Die Schweizer Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross war die Pionierin in der Sterbeforschung. Sie befasste sich mit dem Tod und dem Umgang mit Sterbenden, dokumentierte akribisch Nahtoderlebnisse. Kübler-Ross gilt als Mit-Initiatorin der weltweiten Hospizbewegung. „Die Würde Sterbender bis zum Tod zu achten“, ist einer der Leitgedanken der Hospizeinrichtungen.

Das Herz eines Menschen wiegt durchschnittlich 300g

Die erste Herztransplantation gelang Christiaan Bernard in Kapstadt am 03. Dezember 1967. Aber unser Herz ist viel mehr, als ein 300g schweres Organ. In der Poesie, der Musik und unser aller Leben ist das Herz das Symbol für Liebe und Vertrauen. Gelegentlich lesen wir, dass es zu bewegenden Treffen zwischen Herz-Transplantierten und Angehörigen des Spenders kommt.  Niemand würde auf die Idee kommen sich mit einem Menschen zu treffen, der die Lunge des geliebten Verstorbenen hat. Das Herz ist und bleibt etwas ganz Besonderes. Aber nicht nur das Herz, sondern Transplantationen von Lunge, Leber, Nieren, Bauchspeicheldrüse und Darm gehören heute in vielen Kliniken zur Routine. Genauso wie gespendetes Gewebe. Hierzu zählen zum Beispiel Horn- und Lederhaut der Augen oder Herzklappen. Erschütternde Eindrücke Hinterbliebener, Organhandel, die empfohlene Gabe von Fentanyl vor der Organentnahme oder der Organraub von Exekutierten in China. Vielleicht sind diese Stichworte auch Gründe, die zu einer überwiegend ablehnenden Haltung unserer Gesellschaft geführt haben. Fentanyl ist ein Schmerzmittel mit 100-fach stärkerer Wirkung als Morphium. Kann die Wissenschaft also doch nicht ausschließen, dass der Hirntod zum Sterbeprozess gehört und betroffenen Menschen doch noch etwas wahrnehmen?

Aus religiösen und ethischen Gründen lehnen viele die Organspende ab

Manche sprechen sogar von modernem Kannibalismus. Es gibt aber auch zahlreiche Menschen, die für eine Organspende sind, schon längst einen Organspende-Ausweis bei sich tragen. Was aber ist mit den Kindern?

Ein kleiner Junge wird nach einem Verkehrsunfall ins Krankenhaus eingeliefert

Er hat keine Überlebenschance. Für die Eltern ist dieses Ereignis ein emotionaler Ausnahmezustand. Sie können nichts tun, ihr Kind nicht mehr beschützen, sie werden ihr geliebtes Kind verlieren. Und in dieser furchtbaren Situation steht die Frage der Organspende plötzlich im Raum. Verbietet nicht der Anstand, das Mitgefühl, diese Frage überhaupt zu stellen? Reicht es nicht ein Kind herzugeben, müssen auch noch die Organe hergegeben werden? Drei Zimmer weiter liegt das kleine Mädchen, das schon so lange auf ein neues Herz hofft.

Sie könnte gerettet werden, wahrscheinlich auch die beiden anderen Kinder

Für mich gibt es bei diesem Thema keine einfachen Antworten, ich bin schlicht ratlos und denke immer wieder an die, die sehnsüchtig auf ein neues Organ hoffen. Ich denke an die Kinder und deren Eltern. Aber ich denke auch an die, die auf der anderen Seite der Station liegen.

Text: Fräulein H.

Bild: Shutterstock

 

 

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