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Deutschland und der Bildungsabsturz

Leben

Deutschland und der Bildungsabsturz

Deutschland galt einst als Land der Dichter, Denker und Ingenieure. Heute zeichnen internationale Bildungsstudien jedoch ein immer düstereres Bild. Die Leistungen deutscher Schüler befinden sich seit Jahren im Sinkflug – mit Folgen, die inzwischen weit über die Schulen hinausreichen.

Laut der jüngsten PISA-Studie erreichen nur noch rund 60 Prozent der 15-Jährigen überhaupt die Mindeststandards beim Lesen und in Mathematik.

Anders gesagt: Vier von zehn Jugendlichen scheitern bereits an einfachen Textverständnis- oder Grundrechenaufgaben. Deutschland fiel damit international auf Platz 34 von 41 vergleichbaren Industriestaaten zurück. Länder wie Estland, Irland, Polen oder Südkorea schneiden inzwischen deutlich besser ab.

Besonders dramatisch ist der Absturz beim Lesen.

Noch vor wenigen Jahrzehnten galt Deutschland hier als Spitzenland. Heute können viele Jugendliche selbst einfache Informationen aus kurzen Texten kaum noch sicher erfassen. In Mathematik verzeichnete Deutschland laut OECD den stärksten Leistungseinbruch seit Beginn der Erhebungen.

Tatsächlich hat sich die Abiturquote in Deutschland seit den 1980er-Jahren nahezu verdoppelt.

Gleichzeitig berichten Hochschulen zunehmend von Studienanfängern mit massiven Defiziten in Rechtschreibung, Grammatik und Mathematik. Immer häufiger müssen Universitäten inzwischen Vorkurse anbieten, um Wissenslücken aus der Schulzeit auszugleichen.

Besonders alarmierend sind die Ergebnisse der sogenannten Leo-Studie der Universität Hamburg.

Demnach gelten rund 7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland als funktionale Analphabeten. Sie können zwar einzelne Wörter oder kurze Sätze lesen, scheitern jedoch an zusammenhängenden Texten im Alltag. Weitere rund 13 Millionen Menschen schreiben selbst gebräuchliche Wörter häufig fehlerhaft. Insgesamt haben damit etwa 40 Prozent der Bevölkerung deutliche Schwierigkeiten mit Schriftsprache.

Auch die Digitalisierung scheint die Entwicklung nicht aufzuhalten – im Gegenteil.

Lehrerverbände warnen seit Jahren davor, dass Smartphones, soziale Medien und dauerhafte Bildschirmnutzung die Konzentrationsfähigkeit vieler Kinder massiv verschlechtern. Immer mehr Jugendliche lesen kaum noch längere Texte oder Bücher. Gleichzeitig sinkt die Aufmerksamkeitsspanne kontinuierlich.

Die wirtschaftlichen Folgen werden inzwischen deutlich spürbar.

Unternehmen berichten zunehmend von Schulabgängern, die weder fehlerfrei schreiben noch einfache Prozentrechnungen beherrschen. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag meldet regelmäßig Probleme bei Ausbildungsreife und Grundkompetenzen vieler Bewerber. Während die Wirtschaft über Fachkräftemangel klagt, fehlt es oft bereits an elementarem Wissen.

Hinzu kommt ein massiver Lehrermangel.

Nach Schätzungen der Kultusministerkonferenz könnten bis 2035 zehntausende Lehrer fehlen. Bereits heute fällt vielerorts Unterricht aus oder wird fachfremd erteilt. Besonders betroffen sind Mathematik, Naturwissenschaften und Deutsch.

Kritiker sprechen deshalb längst von einer „schleichenden Verdummung“ Deutschlands.

Die Folgen könnten gravierend sein: sinkende Innovationskraft, wirtschaftlicher Abstieg und eine Gesellschaft, die immer größere Probleme bekommt, komplexe politische und wirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen.

Denn Bildung entscheidet längst nicht mehr nur über individuelle Karrierechancen – sondern über die Zukunftsfähigkeit eines ganzen Landes.

Text: M. Jürgensen

Bildquelle: Shutterstock

 

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