Nachrichten
Firmenpleiten auf höchstem Stand – die Krise erreicht Schleswig-Holstein
Fast 13.000 Unternehmensinsolvenzen in nur sechs Monaten, Zehntausende betroffene Arbeitsplätze und auch in Schleswig-Holstein ein Anstieg um 26 Prozent: Die aktuellen Insolvenzzahlen für Deutschland sind alarmierend. Und auch die jüngsten Daten geben kaum Anlass zur Entwarnung.

Es sind Zahlen, die aufhorchen lassen: 12.812 Unternehmen haben allein im ersten Halbjahr 2026 Insolvenz angemeldet.
Damit wurde der höchste Wert für ein erstes Halbjahr seit 2013 erreicht. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum stieg die Zahl noch einmal um 6,7 Prozent. Noch deutlicher zeigt sich die Entwicklung beim Blick auf das zweite Quartal. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) registrierte bei Personen- und Kapitalgesellschaften 4.996 Insolvenzen – so viele wie in einem zweiten Quartal seit 21 Jahren nicht mehr.
80 Prozent über dem Niveau vor Corona
Wie außergewöhnlich die derzeitige Situation ist, zeigt ein anderer Vergleich besonders eindrucksvoll. Die Zahl der Firmenpleiten lag im Juni 2026 nach Berechnungen des IWH rund 80 Prozent über dem durchschnittlichen Juni der Vor-Corona-Jahre 2016 bis 2019. Und hinter jeder Unternehmensinsolvenz stehen Menschen, Arbeitsplätze, Lieferanten und häufig jahrzehntelang aufgebaute Existenzen.
Allein im zweiten Quartal waren nach Angaben des IWH rund 45.500 Arbeitsplätze von Insolvenzen betroffen.
Zum Vergleich: Selbst im zweiten Quartal 2005, als die Zahl der Insolvenzen noch etwas höher lag, waren es rund 41.500. Auch Creditreform kommt zu alarmierenden Ergebnissen.
Das Unternehmen errechnet mit einer anderen Erhebungsmethode rund 12.900 Firmeninsolvenzen im ersten Halbjahr 2026 und schätzt die Zahl der dadurch betroffenen Arbeitsplätze auf 165.000.
Im Vorjahreszeitraum waren es noch rund 143.000. Das entspricht einem Anstieg von etwa 15 Prozent. Es trifft längst nicht mehr nur kleine Unternehmen. Besonders bemerkenswert ist eine weitere Entwicklung: Insolvenzen sind keineswegs nur ein Problem kleiner Geschäfte oder Kleinstunternehmen. Zwar entfallen rund 81 Prozent der Insolvenzfälle auf Unternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten.
Doch gleichzeitig nahm die Zahl der Insolvenzen bei Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten um 28,6 Prozent zu.
Damit geraten zunehmend auch größere Arbeitgeber unter Druck. Besonders betroffen ist der Dienstleistungssektor: Fast 7.900 Insolvenzen beziehungsweise gut 61 Prozent aller Fälle entfielen im ersten Halbjahr auf diesen Bereich.
Schleswig-Holstein: plus 26 Prozent
Und ausgerechnet in Schleswig-Holstein fällt die Entwicklung noch drastischer aus. Im ersten Halbjahr 2026 wurden hier 571 Unternehmensinsolvenzen registriert. Das sind 26 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Einen höheren Halbjahreswert gab es in Schleswig-Holstein zuletzt im Jahr 2012.
Mindestens 3.641 Arbeitsplätze waren unmittelbar von diesen Insolvenzen betroffen. Damit fällt der prozentuale Anstieg im Norden erheblich stärker aus als im Bundesdurchschnitt. Während die Unternehmensinsolvenzen deutschlandweit um 6,7 Prozent zunahmen, beträgt das Plus in Schleswig-Holstein 26 Prozent.
Besonders auffällig ist das Baugewerbe: 116 Unternehmen aus dieser Branche meldeten im ersten Halbjahr Insolvenz an.
Und die Krise ist noch nicht vorbei.
Wer angesichts dieser Zahlen auf eine schnelle Trendwende hofft, dürfte enttäuscht werden. Im August ging die Zahl der Insolvenzen gegenüber dem Vormonat zwar zurück. Von einer Normalisierung kann jedoch kaum gesprochen werden. Das IWH registrierte im August 1.525 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften. Das waren weiterhin neun Prozent mehr als im August des Vorjahres. Noch drastischer ist der langfristige Vergleich: Die Zahl lag 63 Prozent über einem durchschnittlichen August der Jahre 2016 bis 2019.
Bei den größeren insolventen Unternehmen waren im August mehr als 16.000 Arbeitsplätze betroffen.
Das waren 33 Prozent mehr als ein Jahr zuvor – und sogar 103 Prozent mehr als in einem durchschnittlichen August vor der Corona-Pandemie. Das IWH spricht deshalb ausdrücklich eher von einer „Verschnaufpause als einer Entwarnung“. Die Frühindikatoren des Instituts lassen auch für die kommenden Monate sehr hohe Insolvenzzahlen erwarten. Hinter den Statistiken stehen Existenzen. Bei all diesen Zahlen darf eines nicht vergessen werden: Eine Insolvenz ist nicht nur eine Zahl in einer Statistik.
Hinter den fast 13.000 Unternehmen stehen Unternehmerinnen und Unternehmer, Mitarbeiter und ihre Familien.
Hinzu kommen Lieferanten, Handwerksbetriebe und Dienstleister, die ihrerseits Forderungsausfälle verkraften müssen. Und gerade deshalb sollte die Entwicklung aufmerksam verfolgt werden.
Das sind keine kleinen konjunkturellen Ausschläge mehr.
Text: Mark Jürgensen
Bildquelle: Shutterstock








