Regionales

Wird Flensburg zur Rüstungsregion?

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Immer mehr Militärproduktion entsteht vor unserer Haustür. Bis zu 100 unbemannte Militärboote pro Jahr könnten künftig bei der FSG in Flensburg produziert werden. Doch betrachtet man die Entwicklung der gesamten Region, ist dieses Projekt längst kein Einzelfall mehr. Rund um Flensburg entstehen und wachsen derzeit Produktionskapazitäten für militärische Fahrzeuge und Systeme. Was Politik und Wirtschaft als Investitionen und neue Arbeitsplätze begrüßen, wirft eine grundsätzlichere Frage auf: Wollen wir wirklich, dass ausgerechnet Aufrüstung zu einem der neuen Wachstumsmotoren unserer Region wird?

Zukünftig kommen wohl auch unbemannte Militärboote aus Flensburg

Die Flensburger Shipyard (FSG) und das Verteidigungsunternehmen Stark Defence wollen bei der Produktion unbemannter Schnellboote zusammenarbeiten.

Die etwa sechs Meter langen Systeme sollen ferngesteuert beziehungsweise KI-gestützt eingesetzt werden und unter anderem der Überwachung sowie dem Schutz kritischer Infrastruktur in Nord- und Ostsee dienen. Perspektivisch ist von einer Produktionskapazität von bis zu 100 Booten pro Jahr in Flensburg die Rede.

Noch handelt es sich um eine Absichtserklärung und nicht um einen bereits vergebenen Großauftrag über diese Stückzahl. Trotzdem zeigt die Vereinbarung, in welche Richtung sich ein Teil der Flensburger Industrie entwickeln könnte. Und dabei ist die FSG längst nicht das einzige Beispiel.

Rund um Flensburg wächst die Rüstungsindustrie

Wer den Blick über das eigentliche Stadtgebiet hinaus richtet, erkennt eine größere Entwicklung.

Das FSG-Projekt ist längst kein Einzelfall. Nur wenige Kilometer entfernt baut die Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft (FFG) in Handewitt direkt an der B199 ihr neues „Werk 3“. Auf einem rund 140.000 Quadratmeter großen Gelände entstehen neue Fertigungs-, Verwaltungs- und Logistikkapazitäten für bis zu 400 Beschäftigte. Ab 2027 sollen dort unter anderem gepanzerte ACSV-Kettenfahrzeuge und WiSENT-2-Fahrzeuge auf Leopard-2-Basis produziert werden; gemeinsam mit Patria ist zudem die Fertigung von rund 300 gepanzerten Transportfahrzeugen für die Bundeswehr vorgesehen. Gleichzeitig ist auch Rheinmetall Landsysteme auf dem ehemaligen Gelände der Fahrzeugwerke Nord in Flensburg vertreten und beschäftigt sich dort unter anderem mit der Instandhaltung militärischer Fahrzeuge. Zusammen mit den nun geplanten unbemannten Militärbooten der FSG zeichnet sich damit ein immer deutlicheres Bild ab:  Flensburg und sein unmittelbares Umland entwickeln sich zunehmend zu einem bedeutenden Standort der deutschen Rüstungsindustrie.

Milliarden fließen – aber wohin entwickelt sich unsere Wirtschaft?

Natürlich kann man diese Entwicklung positiv betrachten.  Neue Produktionshallen bedeuten Investitionen. Neue Aufträge können Arbeitsplätze sichern. Unternehmen benötigen Fachkräfte, Zulieferer profitieren und zusätzliche Wertschöpfung entsteht in der Region. Aber genau an diesem Punkt lohnt sich ein zweiter Blick.

Ist eine Wirtschaft wirklich auf einem gesunden Weg, wenn ausgerechnet die militärische Aufrüstung einen immer größeren Teil der wirtschaftlichen Dynamik erzeugt?

Während zahlreiche zivile Unternehmen unter hohen Energiekosten, Bürokratie, Fachkräftemangel und einer schwachen Konjunktur leiden, stehen für Verteidigung und militärische Beschaffung gewaltige Summen zur Verfügung. Und diese Verschiebung wird mittlerweile direkt vor unserer Haustür sichtbar.

Von Flensburg bis ins Umland: Aufrüstung wird zum Wirtschaftsfaktor

Wer durch unsere Region fährt, sieht zunächst Gewerbegebiete, Werften und Industriehallen. Doch hinter einigen dieser Investitionen steht inzwischen ein Bereich, der noch vor wenigen Jahren gesellschaftlich und wirtschaftlich eine wesentlich kleinere Rolle spielte: die Rüstungsindustrie.

Militärfahrzeuge, maritime Verteidigungssysteme und nun möglicherweise in Serie produzierte unbemannte Militärboote – die Region Flensburg wird zunehmend Teil einer europäischen Aufrüstungsbewegung.

Was wäre die schönere Nachricht?

Stellen wir uns für einen Moment eine andere Schlagzeile vor:

„Flensburg wird zum Zentrum einer neuen zivilen Hightech-Industrie.“

100 innovative Schiffe für zivile Anwendungen. Neue maritime Umwelttechnologien. Energiesysteme. Robotik. Wasserstofftechnik. Forschung. Digitalisierung. Neue Produktionsstätten für Produkte, die weltweit gebraucht werden, ohne dass dafür militärische Spannungen notwendig sind.

Auch dadurch würden Arbeitsplätze entstehen.

Auch dadurch würden Unternehmen wachsen.

Auch dadurch könnten Milliardenumsätze erzielt werden.

Der entscheidende Unterschied wäre: Der wirtschaftliche Erfolg würde nicht davon abhängen, dass sich Staaten zunehmend bedroht fühlen und ihre Verteidigungshaushalte immer weiter erhöhen.

Welche wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schaffen wir eigentlich gerade?

Wenn zivile Unternehmen kämpfen, während die Rüstungsindustrie Milliardenaufträge erhält und ihre Produktionskapazitäten massiv erweitert, verschieben sich zwangsläufig auch Fachkräfte, Kapital, Forschung und industrielle Kapazitäten in diese Richtung.

Je größer dieser Sektor wird, desto wichtiger wird er wiederum für Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung. Und genau daraus kann langfristig eine Abhängigkeit entstehen.

Unsere Region wird zunehmend Teil der europäischen Aufrüstung.

Man kann das angesichts der geopolitischen Lage für notwendig halten.

Man kann neue Arbeitsplätze begrüßen.

Und trotzdem darf man sich wünschen, dass der nächste große Wirtschaftsboom unserer Region aus einer anderen Richtung kommt. Aus einer starken zivilen Industrie. Aus Innovation. Aus Forschung. Aus neuen Technologien und Unternehmen, deren Erfolg nicht davon abhängt, dass die Welt unsicherer wird.

Denn vielleicht sollten wir uns nicht nur fragen, wie viele neue Arbeitsplätze die Aufrüstung nach Flensburg bringt.

Sondern auch, was es über den Zustand unserer Wirtschaft und unserer Zeit aussagt, wenn Waffen, Militärfahrzeuge und unbemannte Kampfsysteme plötzlich zu den großen Hoffnungsträgern für Wachstum werden.

Text: M. Jürgensen
Bild: Shutterstock

 

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