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Fakten rund um Corona und die Situation in Flensburg

Leben

Fakten rund um Corona und die Situation in Flensburg

Das TV-Problem

Die meisten informieren sich über die Pandemie und das Virus im Fernsehen, und das ist problematisch. Denn die Nachrichtensendungen so ziemlich aller Sender stellen die Informationen verkürzt, verzerrt oder manchmal sogar falsch dar. Sie alle beziehen sich bei Auslandsberichten auf die Zahlen der John-Hopkins-Universität, wenden diese aber unterschiedlich an:

  • mal heißt es, Brasilien sei eines der am stärksten betroffenen Länder und es folgen dann die absoluten Zahlen (hier nimmt Brasilien aktuell Platz 3 ein),
  • dann heißt es, Tschechien sei – gemessen an der Bevölkerungsgröße – eines der am stärksten betroffenen Länder.

Beide Aussagen sind für sich richtig, aber eben nicht vergleichbar. Mal davon abgesehen, dass die Zahlen der John-Hopkins-Universität sehr instabil sind und kaum Vergleiche zulassen, da Testintensitäten und Teststrategien von Land zu Land sehr unterschiedlich sind, sind es aber eben die einzigen internationalen Zahlen, die verwendet werden. Wenn man sie aber verwenden will, dann einheitlich in Relation zur Bevölkerungszahl der Länder, so dass ein Vergleich möglich ist. Absolute Zahlen sind nämlich hierfür absolut untauglich.

Schauen wir uns diese relationalen Zahlen der am meisten im Fernsehen genannten Länder einmal an:

Jetzt ist zu sehen, dass Brasilien absolut durchschnittlich ist und eine niedrigere Infektionsrate als die Niederlande, Frankreich, Spanien, England, die USA, Tschechien, Schweden usw. aufweisen. Und auch bei den Zahlen zu den Verstorbenen nützen absolute Zahlen nur der Panikmache, nicht aber für internationale Vergleiche. Auch bei diesen ist Brasilien ein absolut durchschnittliches Land. Schweden übrigens auch.

Dennoch zeigt das Fernsehen gerne Schreckensbilder wie aus Manaus, um zu dokumentieren, wie schlimm das Virus wütet. Was jedoch nicht mitgeteilt wird sind die Rahmenbedingungen, die diese Bilder überhaupt erst ermöglichen. Manaus hat über 2 Millionen Einwohner*innen und ist damit größer als Hamburg, liegt aber mitten im Amazonas-Regenwald. Die Allianz weist für Manaus ganze 3 Kliniken/medizinische Einrichtungen aus . Zum Vergleich: für Brasilia mit etwas über 3 Millionen Einwohner*innen werden 42 Einrichtungen angezeigt und für Rio de Janeiro mit rund 6,7 Millionen Einwohner*innen sogar 153. Manaus ist also selbst für brasilianische Verhältnisse eine Einöde in Sachen klinischer Infrastruktur. Schon wenige hundert Patient*innen lassen die Kliniken zusammenbrechen und entsprechende Bilder entstehen. Aber Nachrichten unterliegen auch immer dem alten Slogan „bad news are good news“. Leider wird so aber eine reale Einschätzung der Bedrohungslage durch das Virus – und diese ist ja real gegeben – sehr erschwert.

Wenn jetzt die Mutationen als neue Bedrohungen dargestellt werden, ist das auch sowohl richtig als auch falsch. Im Genom des SARS-CoV-2-Erregers wurden schon 198 Mutationen nachgewiesen. Mutationen und ihr Bedrohungspotential sind also nicht neu, aber nicht alle setzen sich durch. Die jetzigen Mutationen aber setzen sich durch und sind infektiöser. Nutzt man die Zahlen der John-Hopkins-Universität, um die Veränderungen in der Fallsterblichkeitsrate des Virus anzusehen, zeigt sich jedoch, dass die neuen Mutationen bislang keinen nennenswert steigenden Effekt auf diese haben. In England war die Fallsterblichkeitsrate trotz der Mutationen sogar über Wochen noch minimal sinkend. Nach den starken Ausschlägen der ersten Welle aber sind die Werte in allen Ländern zunächst mitunter deutlich gesunken und haben sich seit Mitte November um die 0-Linie herum eingefunden. Die Fallsterblichkeit bleibt also konstant.

Das RKI-Nachrichten-Problem

Für die Berichterstattung über Deutschland verwenden die Nachrichten gerne auch die Zahlen des RKI. Leider ist der Umgang mit diesen aber nicht besser. Wenn in den Nachrichten die Zahl der neuen Corona-Toten mitgeteilt wird, wird der Eindruck erweckt, dass dieses die am Vortag Verstorbenen seien. Das ist aber nicht der Fall. Vielmehr enthält die tägliche Totenzahlenmeldung in der Regel viele Fälle, die bis zu drei Wochen alt sind. Die täglichen Meldungen des RKI geben also nicht das aktuelle Geschehen wieder, sondern laufen diesem hinterher.

Auch wird in der Berichterstattung die Differenziertheit der RKI-Daten unter den Tisch fallen gelassen. Sämtliche positiven Testergebnisse werden als neue Fälle verkündet und dabei suggeriert, dass es sich um Erkrankungsfälle handelt. Das aber ist nicht der Fall. Wertet man die vom RKI öffentlich zugänglichen Datensätze aus, zeigt sich das folgende Bild.

Informationen zu Symptomen liegen immer nur bei durchschnittlich der Hälfte der Fälle vor, sind also durch einen Arzt dokumentiert worden. Bei dieser Hälfte, bei der Informationen vorliegen, sind wiederum rund 16% dabei, für die keine oder keine für Covid19 relevanten Symptome dokumentiert worden sind. Die Zahl der nachgewiesen und dokumentierten symptomatisch erkrankten Personen markiert daher die orangene Kurve. Die Lücke zu den in den Nachrichten gemeldeten Zahlen (dunkelblaue Kurve) ist eklatant.

Auch wird ein großer Bogen um die Altersabhängigkeit gemacht. Das RKI weist für jede Altersgruppe genau die Zahl der Fälle und der Verstorbenen aus, aber in den Nachrichten wird dieses nicht genutzt. Schaut man sich die Daten an, dann zeigt sich, dass das Virus für über 60Jährige eine ernste Bedrohung darstellt, für alle anderen aber nicht.

Natürlich versterben auch jüngere Menschen, aber eben nur, wenn sie entsprechende Vorerkrankungen haben. Und selbstverständlich gibt es auch bei jüngeren Menschen schwere Verläufe. Aber diese sind, wie auch die Todesfälle, selten bis sehr selten. Auch wird bei den Totenzahlen nicht berücksichtigt, wie der demografische Wandel die Altersstrukturen verändert. Die Zahl der über 80Jährigen ist heute deutlich höher als vor zehn Jahren und entsprechend gibt es auch mehr Versterbende als vor zehn Jahren. Berücksichtigt man dies, so ist – unabhängig von Corona – für 2020 mit gut 40.000 Toten mehr als im Schnitt der vergangenen Jahre zu rechnen gewesen. Die haben wir auch gehabt, mehr aber auch nicht. In den Nachrichten ist dies aber kein Thema.

Das RKI gibt auch die Inzidenzwerte nach Altersgruppen sortiert an und hier zeigt sich das eigentliche Pandemieproblem. Die Hochrisikogruppe der über 85Jährigen ist überproportional stark von Infektionen betroffen. Könnte man die Infektionen in Alten- und Pflegeheimen unterbinden, sähe die Lage in den Kliniken und bei den Totenzahlen anders aus. Allerdings ist dieses nicht unüblich, auch bei den starken Grippe-Saisons sind die meisten Opfer in dieser Gruppe zu finden. Der Punkt aber ist, dass ein besserer Schutz in den Einrichtungen möglich wäre, jedoch Mittel und Personal hierfür nur zögerlich bereitgestellt werden.

Das RKI weist genau aus, in welchen Einrichtungen und Fürsorgebereichen welche Infektionszahlen, Erkrankungszahlen und Totenzahlen vorliegen. Es differenziert dabei sogar zwischen den dort tätigen und den dort untergebrachten Personen.

 

 

 

 

 

 

 

Hier kann man aber sehen, warum die Kliniken belastet sind: etwas über 24.000 Mitarbeiter*innen in Krankenhäusern haben einen positiven Test und sind damit zeitweilig in Quarantäne oder selbst erkrankt. 599 von ihnen mussten selbst hospitalisiert werden. Dass damit den Krankenhäusern Personal fehlt, ist logisch. Die Zahlen sprechen ansonsten für sich und eine klare Sprache.

Aber für die Nachrichten ist es wichtiger, Schlagzeilen zu produzieren und so durfte dann am 18.02.21 Flensburg prominent als Hotspot mit Ausgangssperre und Kliniken am Limit vertreten sein. Das zentrale Register DIVI zeigt (Stand 18.02.21, 12:15 Uhr) für Flensburg 43 Intensivbetten an, von denen 37 belegt sind. Darunter sind 4 Covid19-Patient*innen, von denen 2 künstlich beatmet werden. Das klingt beruhigend, zeigt aber nicht an, dass aufgrund fehlender Beatmungstechnik bereits Fälle nach Kiel verlegt worden sind und aufgrund der Corona-Bestimmungen die Isolation und Behandlung positiv getesteter Patient*innen mit erheblichem Mehraufwand verbunden sind.

Und auch der Hotspot Flensburg ist differenziert zu betrachten. Da die Einwohnerzahl unter 100.000 liegt gibt der Inzidenzwert, der sich auf 100.000 bezieht, eine höhere Zahl an als es real Fälle gibt. Und es reichen bereits wenige Fälle aus, um den Inzidenzwert deutlich zu steigern. Lag der Inzidenzwert am 18.2. bei 185,2 und damit rund 20 Punkte höher als zwei Tage zuvor, wird am 19.2. wieder ein Wert von 177,5 angezeigt. Kleine Ereignisse sorgen hier also für starke Ausschläge. Seit Beginn der Pandemie, also gut einem Jahr, hat es in Flensburg 1.393 positive Testergebnisse gegeben. Da um die Einwohnerzahl gestritten wird, runde ich auf 90.000 auf/ab. Entsprechend haben 1,55% ein positives Testergebnis. Glücklicherweise sind die Hochrisikogruppen bislang nicht so stark betroffen, sonst hätten die Kliniken ein noch ernsteres Problem.

Gut zu sehen ist jedoch, dass die Zahlen nicht exponentiell nach oben gehen. Schauen wir uns die gesamte Zeitleiste an wird deutlich, dass die Zahlen in Flensburg einfach von einem Durchschnittslevel von ca. 5 Fällen am Tag auf ein Level von 18-20 Fällen am Tag gesprungen ist und einzelne Ereignisse (Familienfeiern, Fleischindustrie usw.) nach oben ausreißen.

Dieses höhere Grundlevel ist sehr wahrscheinlich auf die infektiöseren Mutationen zurückzuführen und aus Sicht der Stadt der Grund dafür, nicht zu lockern, sondern zu verschärfen. Denn aus dem höheren Grundlevel heraus würden Steigerungen schneller stattfinden als aus dem niedrigeren Level zuvor. Auch wenn der Großteil der gemeldeten Fälle kein Erkrankungsdatum ausweist, würde eine starke Steigerung der Fälle auch zu Steigerungen bei den Erkrankungen führen und damit die Kliniken sehr leicht über das Limit bringen – so die Argumentation. Andererseits reicht ein Hotspot, egal ob Mutante oder nicht, mit vier Fällen in einem Altenheim ggf. auch schon aus, um die Kliniken zu überlasten.

Das eigentliche Kernproblem aber ist, dass wir als Bevölkerung durch die etablierten Medienkanäle nicht sauber und ordentlich informiert und im Internet mit allerlei dubiosen Phantasien überzogen werden, so dass eine vernünftige Meinungsbildung kaum bzw. nur erschwert möglich ist. Ohne diese aber ist ein lösungsbringender Diskurs nicht machbar. Also verhärten sich Fronten, vertiefen sich Gräben und wächst der Schaden an unserer Gesellschaft als demokratischem Gemeinwesen. Diese Schadensfolgen werden uns aber noch lange über die Pandemie hinaus beschäftigen.

Wenn Sie sich eine besser fundierte Meinung bilden wollen, dann nutzen Sie die Berichte und Datensets des RKI. Auch in den folgenden Quellen finden Sie viele täglich aktualisierte Infos:

Artikel und Recherche: Dr. C. Dewanger

Bild: Shutterstock

Quellenangaben:

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